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Cybersecurity und Risikomanagement für IT/OT-Datenströme

Kurzantwort

Ein Datenpfad zwischen Produktion und IT ist sicher, wenn er wenige, benannte und überwachte Wege nutzt: klar getrennte Zonen, ausschließlich ausgehende Verbindungen aus der Produktion, verschlüsselter Transport mit geprüften Identitäten und ein Protokoll, das im Nachhinein belegt, was geflossen ist. Sicherheit entsteht aus der Ordnung der Wege, nicht aus ihrer Zahl.

Lesezeit 8 MinutenFachredaktion inray Industriesoftware
Die Produktionszone mit Maschinen, Sensorik und Historian, eine Übergabezone mit Vermittlung, Identitätsprüfung und Protokollierung, und die Unternehmens-IT mit Analyse, Dashboards und Planung. Zwischen den Zonen führen Verbindungen nur von der Produktion nach oben; die Gegenrichtung ist durchgestrichen. Vier Merkmale: nur ausgehend, verschlüsselt, geprüfte Identitäten, vollständig protokolliert.

Ausgangslage: zwei Schutzziele, ein Datenpfad

Informationstechnik und Betriebstechnik schützen Unterschiedliches. Die IT schützt zuerst Vertraulichkeit und Integrität von Daten. Die OT schützt zuerst die Verfügbarkeit der Anlage — und damit Menschen, Material und Termin. Ein Datenpfad zwischen beiden muss beiden Zielen genügen, und im Zweifel gewinnt die Anlage.

Daraus folgt eine unbequeme Regel: Ein Sicherheitskonzept, das die Produktion für Auswertungszwecke
öffnet, ist kein Kompromiss, sondern ein Fehler. Der Weg führt in die andere Richtung — die Produktion veröffentlicht nach außen, sie wird nicht von außen abgefragt.

Was tatsächlich passiert

Ein Cyberangriff auf eine Produktion sieht selten aus wie im Film. Die drei häufigsten Wege sind unspektakulär und seit Jahren dieselben:

  • Fernzugriff. Ein Wartungszugang, der dauerhaft offen steht, mit einem Konto, das mehrere Dienstleister kennen. Der häufigste Einstieg in ICS-Umgebungen — Industrial Control Systems, also Steuerungen, SCADA und Leitsysteme.
  • Ransomware über die Büro-IT. Die Verschlüsselung beginnt fast nie in der Anlage, sondern im Verwaltungsnetz. Ob sie die Produktion erreicht, entscheidet allein die Trennung dazwischen — und in vielen Werken fällt die Fertigung dann nicht aus, weil sie angegriffen wurde, sondern weil sie vorsorglich abgeschaltet werden muss.
  • Lieferkette. Eine Komponente, ein Update oder ein Fremdgerät bringt mit, was niemand bestellt hat. Dagegen hilft kein Perimeter, sondern nur die Frage, was ein Gerät überhaupt erreichen darf.

Auffallend ist, was in dieser Aufzählung fehlt: der gezielte Angriff auf eine Steuerung. Er kommt vor, ist aber selten. Der Normalfall ist ein Weg, den jemand aus guten Gründen geöffnet und danach vergessen hat.

Zonen, Übergänge und Netzsegmentierung

Das etablierte Ordnungsprinzip stammt aus der Normenreihe IEC 62443. Den Kern beschreibt IEC 62443-3-2Security Risk Assessment for System Design: Die Landschaft wird in Zonen mit vergleichbarem Schutzbedarf geteilt, und jeder Verkehr zwischen Zonen läuft über einen definierten Übergang, in der Norm Conduit genannt — wenige, benannte, überwachte Wege statt vieler gewachsener.

In der Praxis heißt dieselbe Sache Netzsegmentierung: Das flache Werksnetz wird in Abschnitte geteilt, zwischen denen nur das erlaubt ist, was gebraucht wird. Der Unterschied ist einer der Perspektive — Zonen und Conduits beschreiben den Schutzbedarf, die Segmentierung die Umsetzung im Netz.
Wer beides gleichsetzt, überspringt den entscheidenden Schritt: Erst wird bestimmt, was zusammengehört und was es zu schützen gilt, dann wird geschnitten.

Die Ebenenlogik dahinter ist älter als die Norm und in vielen Werken noch als Purdue-Modell geläufig: Feldebene, Steuerung, Leitebene, Betriebsleitebene, Unternehmensebene, dazwischen eine DMZ als Pufferzone zwischen Produktion und Büro-IT. Man muss das Modell nicht
übernehmen, um zu zonieren — aber es beantwortet die Frage, wo die DMZ hingehört.

Zonen und Übergänge zwischen Produktion, DMZ und IT

Drei Zonen, zwei Übergänge, eine Richtung: die Produktion veröffentlicht, sie wird nicht abgefragt.

Praktisch heißt das: In die Produktionszone führt kein eingehender Port. Die lokale Runtime in der
Übergangszone holt Werte aus der Anlage und baut ihrerseits eine ausgehende, verschlüsselte Verbindung nach oben auf. Fällt diese Verbindung aus, puffert sie und liefert nach — die Produktion hängt nicht an der Verfügbarkeit der Zentrale.

Vier Prinzipien für sichere Datenströme

  • Eine Richtung

    Verbindungen werden aus der schützenswerteren Zone heraus aufgebaut, nie in sie hinein. Ein Rückweg für Vorgaben existiert — aber als eigener, ausdrücklich freigegebener Kanal, nicht als offener Port.

  • Wenige Wege

    Je weniger Übergänge es gibt, desto vollständiger lassen sie sich prüfen. Eine gemeinsame Schicht ersetzt eine wachsende Zahl bilateraler Kopplungen, die niemand mehr vollständig kennt.

  • Geprüfte Identitäten

    Jede Verbindung weist sich aus — über Zertifikate, nicht über geteilte Passwörter. Rechte werden je Rolle vergeben, und der Entzug eines Rechts wirkt sofort und überall.

  • Nachweisbarkeit

    Es ist im Nachhinein feststellbar, welche Quelle wann was geliefert hat und wo eine Lücke entstand. Ohne diesen Nachweis lässt sich weder ein Vorfall aufklären noch eine Prüfung bestehen.

Risiken und was ihnen tatsächlich begegnet

Risiko Typische Ursache Gegenmaßnahme
Ungeplanter Zugang zur Anlage eingehende Freigabe für einen Auswertungszweck ausschließlich ausgehende Verbindungen, Zonenübergang statt Portfreigabe
Unbekannte Wege über Jahre gewachsene Punkt-zu-Punkt-Kopplungen Bestandsaufnahme, Bündelung auf wenige Übergänge, laufende Sichtbarkeit
Geteilte Zugangsdaten ein Dienstkonto für mehrere Kopplungen Zertifikate je Instanz, Rollen statt Sammelkonten
Stiller Ausfall Quelle liefert nicht mehr, niemand bemerkt es Lebenszeichen und Alter je Datenstrom, Alarm bei Ausbleiben
Fremdzugriff bei Fernwartung dauerhaft offener Wartungszugang zeitlich befristete, protokollierte Freigabe
Datenverlust bei Störung keine Pufferung im Werk Store & Forward mit Nachlieferung
Die Frage hinter der Technik

Wer pflegt in fünf Jahren die Verbindung zwischen Werk 4 und dem ERP — und was passiert, wenn die Person geht, die sie gebaut hat? Ein Datenpfad ohne benannten Besitzer ist unabhängig von seiner Verschlüsselung ein Risiko.

Nachweis und regulatorischer Rahmen

Der Druck verschiebt sich von der Maßnahme zum Nachweis. Drei Bezüge sind dafür maßgeblich:

  • IEC 62443 beschreibt Sicherheit für industrielle Automatisierungssysteme — unter anderem über Zonen und Übergänge sowie abgestufte Sicherheitsniveaus. Sie liefert die Sprache, in der sich Architekturentscheidungen begründen lassen.
  • NIS2. Das deutsche NIS-2-Umsetzungsgesetz ist nach Angaben des BSI am 6. Dezember 2025 in Kraft getreten. Die Risikomanagementpflichten stehen in §§ 30 ff. BSIG; die Sicherheit der Lieferkette ist dort ausdrücklich genannt (§ 30 Abs. 2 Nr. 4 BSIG). Betroffene Einrichtungen registrieren sich über das Portal des BSI. Bei einem erheblichen Sicherheitsvorfall gilt eine dreistufige Meldekette: innerhalb von 24 Stunden eine Erstmeldung, innerhalb von 72 Stunden eine Folgemeldung, spätestens nach einem Monat die Abschlussmeldung.
  • BSI-Grundlagen. Für die konkrete Umsetzung sind das ICS-Security-Kompendium und der IT-Grundschutz-Baustein zur industriellen IT die praxisnächsten deutschsprachigen Quellen. Wo ein Informationssicherheits-Managementsystem nach ISO 27001 bereits besteht, deckt es einen erheblichen Teil der organisatorischen Anforderungen ab — die OT-spezifischen Punkte kommen hinzu, sie werden nicht ersetzt.

Für die Architektur folgt daraus vor allem eines: Was nicht dokumentiert und beobachtbar ist, lässt sich nicht nachweisen. Sichtbarkeit ist damit keine Komfortfunktion, sondern Teil der Pflicht.

Dieser Abschnitt ordnet ein und ersetzt keine Rechtsberatung. Ob und wie Ihr Unternehmen betroffen ist, klären Sie mit Ihrer Compliance-Funktion; maßgeblich sind die Angaben des BSI
und der Gesetzestext. Stand der Angaben: September 2026.

Wie pronubes den Weg absichert

  • pronubes Edge läuft lokal im Werk, baut ausgehende Verbindungen auf und puffert bei Verbindungsverlust — kein eingehender Zugriff in die Produktionszone.
  • Secure by Design als Grundsatz: Zertifikate, Rollen, Telemetrie nur nach Opt-in, SBOM-fähig und Vault-ready.
  • pronubes Insights macht Verbindungen, Datenströme und Systemzustände sichtbar — einschließlich der Ströme, die schweigen.
  • pronubes Zones hält fest, welcher Strom zu welchem Standort, Bereich und System gehört — die Grundlage dafür, Zuständigkeit überhaupt zuweisen zu können.

Mehr zur Plattform

Begriffe kurz erklärt
IEC 62443
Normenreihe zur Sicherheit industrieller Automatisierungs- und Steuerungssysteme; arbeitet mit Zonen, Übergängen und abgestuften Sicherheitsniveaus.
Zone / Conduit
Bereich mit vergleichbarem Schutzbedarf und der definierte Weg, über den Verkehr zwischen zwei Zonen läuft; beschrieben in IEC 62443-3-2.
ICS
Industrial Control Systems: die steuernden Systeme einer Anlage — Steuerungen, SCADA, Leitsysteme, Bedienoberflächen.
Netzsegmentierung
Aufteilung eines Netzes in Abschnitte, zwischen denen nur ausdrücklich erlaubter Verkehr möglich ist — die netzseitige Umsetzung des Zonenkonzepts.
Purdue-Modell
Schichtenmodell der Fertigungs-IT von der Feldebene bis zur Unternehmensebene; verortet die DMZ zwischen Produktion und Büro-IT.
NIS2
Europäische Richtlinie zur Netz- und Informationssicherheit mit Anforderungen an Risikomanagement, Meldewege und Leitungsverantwortung.
SBOM
Software-Stückliste: maschinenlesbares Verzeichnis der in einem Produkt enthaltenen Komponenten, Grundlage für Schwachstellenbewertung.
Store & Forward
Puffern von Daten bei unterbrochener Verbindung und Nachliefern nach Wiederherstellung.
Nachgefragt

Häufige Fragen

Öffnet eine Datenplattform nicht zwangsläufig die Produktion?

Nicht, wenn die Richtung stimmt. Die lokale Runtime liest aus der Anlage und baut die Verbindung nach oben selbst auf. In die Produktionszone führt kein eingehender Port; ein Rückweg für Vorgaben ist ein eigener, ausdrücklich freigegebener Kanal.

Was passiert bei einem Ausfall der zentralen Instanz?

Die Edge-Runtime arbeitet lokal weiter und puffert Daten, die nicht abfließen können. Nach Wiederherstellung der Verbindung werden sie nachgeliefert. Die Produktion hängt damit nicht an der Verfügbarkeit der Zentrale.

Wie gehen wir mit Bestandsanlagen ohne moderne Sicherheitsfunktionen um?

Sie werden nicht ersetzt, sondern eingeschlossen: Die Anlage bleibt in ihrer Zone, die Anbindung erfolgt über vorhandene Wege, und die Sicherheitsfunktionen liegen im Übergang — dort, wo sie sich pflegen und aktualisieren lassen.

Wer betreibt den Übergang — IT oder OT?

Bewährt hat sich eine Aufteilung: Die lokale Runtime im Werk liegt nah bei der OT, Strukturmodell und Betriebssicht liegen zentral bei der IT. Wichtig ist, dass die Aufteilung ausdrücklich getroffen und dokumentiert ist — ein Weg ohne Besitzer ist das eigentliche Risiko.

Reicht Verschlüsselung?

Nein. Verschlüsselung schützt den Transport. Offen bleiben Identität, Berechtigung, Richtung des Verbindungsaufbaus und Nachweisbarkeit. Ein verschlüsselter, aber eingehender Zugang in die Produktionszone ist weiterhin ein eingehender Zugang.

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